Der Druck, schön zu sein
Dass die Aufmerksamkeit, die unsere Gesellschaft Sportlern, Schauspielern und Politikern schenkt, auch negative Seiten hat, ist nicht erst seit Fällen wie Robert Enke oder zuletzt Babak Rafati bekannt. Die Kehrseite der Spaß- und Sportgesellschaft wird von den Medien immer wieder kritisch beleuchtet. Dennoch gibt es zahlreiche Modekrankheiten, die weitestgehend unbekannt sind und uns alle betreffen: Neben dem bekannten Burn-Out-Syndrom gehören dazu beispielsweise das Dorian-Gray-Syndrom, zahllose Formen von Depression oder die Sucht nach brauner Haut. “Die meisten gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch das Arbeitsumfeld sind im Lauf der Jahre ausgeschaltet worden,” berichtete der Berliner Arzt Wolfgang Hart jüngst in einem Interview der Frankfurter Rundschau. “Jetzt treten Lifestyle-Erkrankungen als neues Phänomen der westlichen Kulturgesellschaft auf.”
Ein Teil des Problems liegt in der Veränderung des Arbeitsumfelds und bei der Kürzung sozialer Leistungen sowie steigender wirtschaftlicher Unsicherheit, die in der Gesellschaft verstärkt wahrgenommen wird. Vor allem jüngere Menschen sind von diesem Trend betroffen. Stress, Druck und der Zwang, immer erreichbar sein zu müssen, werden durch die “Öffentlichkeit”, in der wir leben nur noch verschlimmert: Facebook, Twitter, Tumblr – jedes Wort, jede unüberlegte Handlung, jedes verrutschte Kleidungsstück kann sofort im Netz landen. Wer nicht immer topp aussieht, hat Angst Status und Zuneigung zu verlieren.
Bestes Beispiel ist das so genannte Dorian-Gray-Syndrom, benannt nach dem Protagonisten aus Oscar Wildes berühmten Roman. Geprägt wurde der Begriff vom Gießener Psychologen Burkhard Brosig, der krankhaften Narzissmus in breiten Teilen der Bevölkerung feststellte. Dabei, so glaubt Brosig, ersetzen “Schönheit” und “Perfektion” die Diskrepanzen des Einzelnen im Alltag. Haarwuchsmittel, Sonnenbank, Antidepressiva, Potenzmittel, ästhetische Chirurgie, sogar Dermatologie – wer selber häufig die Lösung in Medizin und ähnlichem sucht, sollte sich dringend näher mit dem Thema beschäftigen.

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